Warum ich im Garten nicht mehr alles abschneide, was verblüht ist

Früher war die Sache ziemlich einfach: Eine Pflanze war verblüht, also konnte sie weg. Die Blüten waren braun, die Stängel sahen nicht mehr besonders schön aus und irgendwo wartete schon die Gartenschere.

Aufräumen eben.

Heute sehe ich das anders.

Nicht, weil ich beschlossen hätte, meinen Garten einfach verwildern zu lassen. Sondern weil ich irgendwann angefangen habe, genauer hinzusehen. Und dabei merkt man ziemlich schnell: Nur weil eine Pflanze für uns Menschen gerade nicht mehr schön blüht, ist sie noch lange nicht fertig.

Verblüht heißt nicht wertlos

Wir schauen im Garten häufig vor allem auf die Blüte. Sie ist bunt, sie fällt auf und natürlich freuen wir uns darüber, wenn Hummeln, Bienen oder Schmetterlinge sie besuchen.

Ist die Blüte vorbei, scheint auch der Nutzen vorbei zu sein.

Aber danach beginnt ein Teil des Pflanzenlebens, den wir beim üblichen Aufräumen gerne übersehen.

Aus Blüten werden Samenstände. Stängel trocknen ein. Pflanzenteile bleiben über Wochen oder Monate stehen. Für uns sieht das vielleicht nach „müsste mal weg“ aus. Für Tiere können genau diese Strukturen aber weiterhin interessant sein.

Samen können Nahrung bieten. Trockene Pflanzenstängel und andere abgestorbene Pflanzenteile schaffen Strukturen, in denen kleine Tiere Schutz finden können. Und wenn im Herbst nicht alles bodennah abgeschnitten wird, bleibt im Garten schlicht mehr Lebensraum erhalten.

Der Garten ist also nicht plötzlich nutzlos, nur weil seine große Blütenshow vorbei ist.

Ich musste meinen Blick darauf erst verändern

Auch bei mir im Garten gibt es natürlich Pflanzen, bei denen ich denke: Das sieht jetzt wirklich nicht mehr besonders spektakulär aus.

Eine verblühte Distel ist eben keine leuchtende Distel mehr.

Aber inzwischen greife ich nicht automatisch zur Schere.

Ich schaue erstmal.

Was passiert dort noch? Bilden sich Samen? Sitzt vielleicht noch ein Insekt daran? Treibt die Pflanze an anderer Stelle erneut aus? Stört der alte Pflanzenteil tatsächlich oder entspricht er einfach nur nicht unserem Bild eines „aufgeräumten“ Gartens?

Gerade der letzte Punkt ist spannend.

Denn vieles von dem, was wir im Garten als unordentlich empfinden, ist eigentlich völlig normal. In der Natur kommt schließlich auch niemand vorbei und schneidet jede verblühte Pflanze unmittelbar über dem Boden ab.

Weniger Arbeit kann manchmal mehr Natur bedeuten

Das Schöne daran: Diese Art zu gärtnern macht nicht unbedingt mehr Arbeit.

Im Gegenteil.

Manchmal besteht Naturschutz im Garten tatsächlich darin, etwas nicht zu tun.

Nicht sofort schneiden.

Nicht jeden trockenen Stängel entfernen.

Nicht jedes Blatt einsammeln.

Nicht ständig versuchen, den Garten in einen Zustand zu versetzen, in dem alles gleichzeitig frisch, grün und blühend aussieht.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich überhaupt nichts mehr schneide. Wege müssen frei bleiben, manche Pflanzen dürfen sich nicht überall aussäen und manchmal stört etwas schlicht.

Ein Garten darf schließlich auch ein Garten bleiben.

Aber zwischen „alles stehen lassen“ und „alles sofort abschneiden“ liegt ziemlich viel Platz.

Ein Garten darf auch Jahreszeiten zeigen

Vielleicht ist genau das der Punkt, den ich inzwischen am schönsten finde.

Ein Garten muss nicht zwölf Monate im Jahr aussehen wie ein Foto aus einem Pflanzenkatalog.

Im Frühjahr darf er gerade erst anfangen.

Im Sommer darf er üppig sein.

Im Herbst dürfen Samenstände zwischen den letzten Blüten stehen.

Und im Winter dürfen braune Stängel zeigen, dass dort im vergangenen Jahr etwas gewachsen ist.

Das gehört alles dazu.

Wer immer sofort alles Verblühte entfernt, nimmt dem Garten ein Stück dieses natürlichen Kreislaufs.

Und möglicherweise auch die Chance auf Beobachtungen, die man sonst nie gemacht hätte.

Nicht alles stehen lassen. Aber auch nicht alles wegschneiden.

Ich glaube ohnehin nicht, dass Naturgärten von starren Regeln leben sollten.

Es geht nicht darum, nie wieder eine Gartenschere anzufassen. Und auch nicht darum, jede Pflanze bis zum nächsten Frühjahr stehen lassen zu müssen.

Für mich geht es um eine viel einfachere Frage:

Muss das wirklich jetzt weg?

Wenn die Antwort Nein lautet, darf es erstmal bleiben.

Vielleicht bis die Samen reif sind.

Vielleicht über den Winter.

Vielleicht auch nur ein paar Wochen länger als früher.

Das klingt nach einer ziemlich kleinen Veränderung. Wenn man anfängt, so durch den Garten zu gehen, verändert sie aber erstaunlich viel.

Denn plötzlich sieht man nicht mehr nur, was verblüht ist.

Man sieht, was noch da ist.

Und manchmal ist weniger Aufräumen tatsächlich mehr Garten.

← Zurück zum Blog

Ähnliche Beiträge